Wolfgang Bernard's Advaita-Lehrmethode
Stephen Jourdain hat den Durchbruch zu seinen Ursprüngen bereits im Alter von sechzehn Jahren erlebt. Heute ist er über sechzig Jahre alt, lebt auf der Insel Korsika und hält in Frankreich regelmäßig Seminare, bei denen er Zeugnis ablegt von dem, was ich (Wolfgang Bernard) die „vorsinnliche Wahrnehmung“ nenne. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher darüber geschrieben. Als ich ihm bei einem unserer Treffen von dem berichtete, was ich „Ur-Credo“ nenne, stellte sich heraus, daß dies gar nichts Neues für ihn war, wenn er auch bis dahin noch nie darüber gesprochen hatte.
Im Folgenden einige Kapitel aus einem in der Originalversion in Frankreich erschienen Buch, das in deutscher Sprache erhältlich ist beim
Verlag J. Kamphausen, Postfach 101849, 33518 Bielefeld
Autoren: Stephen Jourdain, Gilles Farcet
Titel: "Einsichten eines erleuchteten Kettenrauchers".
ISBN 3-933496-39-X
(Übersetzung : Marianne Bernard)
INHALTSVERZEICHNIS
I. Monsieur Jourdain
II. Ein Ruf von Anderswo
III. Nennen Sie mich Steve
V. Nirgendwo sonst
VI. Metaphysische Tabaksucht
VII. Alles und Nichts
IX. Ein aufgeweckter junger Bursche
X. Kräftegeschichten
XI. Der Andere und das Nichts
XIII. Das Erwachen überleben
XIV. Das Erwachen überleben (Fortsetzung)
XV. Mein Leben, ein Roman
XVI. Erwachen und Ethik
XVII. Mein Leben, ein Roman (Fortsetzung)
XVIII. Schriften des Erwachens
XIX. Der Schrecken der Situation
XX. Ein einzigartiges Erlebnis
XXI. Begegnung mit einem bemerkenswerten Menschen
XXII. Die Lehre
XXIII. Reinkarnation
XXIV. Ekstase
XXV. Der Tod
XXVI. Mein Name ist Niemand
XXVII. Der Erb-Irrtum
XXVIII. Die Berufung, das Erwachen zu lehren
XXIX. Praktische Arbeiten
XXX. Der Traum im Traum
XXXI. Es ist wichtig, gut zu träumen
XXXII. Priester-Therapeuten
XXXIII. Das Erwachen: Russisches Roulett
Anhang: Die Fröhlichkeit des Ersten Tages / Tom oder der Herrscher der Welt der Mysterien
VORWORT von Gilles Farcet
Dieses Buch stellt einen der drei Hauptteile einer Forschungsreihe dar, in der ich mir zum Ziel gesetzt habe, das Erwachen, die Erleuchtung, in der westlichen Welt darzustellen. Angefangen hat sie mit Arnaud Desjardins (Unpersönliche Bekenntnisse), anschliessend fortgesetzt mit Richard Moss, Ram Dass, Lee Lozowick und Douglas Harding (Der westliche Mensch erwacht). Motiviert waren diese Forschungen durch mein Bedürfnis, die innere Natur dieses Erwachens, das von allen Traditionen sehr hoch gehalten wird, zu erforschen und, vor allem, mich mit seiner lebendigen Realität zu konfrontieren. Worum genau handelt es sich eigentlich? Was ist die akute Gegenwart der "Erkenntnis", wenn diese einmal von ihrem eso-exoterischen Firlefanz befreit ist? Das waren die Fragen, die ich mir stellte; was ich mir wünschte war, das tägliche Leben "Erwachter" zu teilen, in der Hoffnung, dabei zu sehen... Im Rahmen dieser durchaus ungewöhnlichen Untersuchung war es mir vergönnt, Stephen Jourdain zu begegnen. Von allen westlichen "Weisen", die ich getroffen habe, ist er ohne Zweifel der verwirrendste, der unvorhersehbarste, der durchschlagendste...
Ich bin sehr glücklich, ein ganzes Buch meinem Zwiegespräch mit diesem ebenso einfachen wie aussergewöhnlichen Mann widmen zu können, dessen glühende Gegenwart auf Anhieb den Weg zu meinem Herzen gefunden hat.
IV AUF NACH KORSIKA
Mai 1990
Meine Frau und ich haben eine Woche frei. Warum sollen wir die nicht im "bed and breakfast" von Stephen Jourdain verbringen? Seit unserer kurzen Begegnung in Paris sind mehrere Monate vergangen, ohne dass wir den geringsten Briefwechsel gehabt hätten; aber ich glaube fest, dass seine Einladung kein leeres Wort war und dass das Angebot noch gilt. Ein Telefongespräch bestätigt dies Gefühl, und wir verabreden uns am Flughafen von Ajaccio, von wo er uns abholen und zu seinem Heim begleiten wird. Wir sind seine Gäste.
Als wir aus dem Flugzeug steigen, ist Jourdain wirklich da, und in seiner warmen Gegenwart fühlen wir uns gleich zu Hause. Das ist gar nicht so selbstverständlich: es hätte durchaus eine Befangenheit aufkommen können, wenn man sich für eine Woche bei jemandem nach Hause einzulädt, den ich selbst nur ein einziges Mal gesehen habe, und meine Frau überhaupt noch nie. Und doch sind wir schon alte Bekannte. "Steve" umarmt uns, duzt uns von vornherein - ohne dass das etwas Gekünsteltes an sich hätte -; er trägt einen der Koffer und bringt uns zum Parkplatz, wo er ganz jovial mit Faustschlägen auf einen widerspenstigen Zahlautomaten eintrommelt: "Ah, diese bekloppten Maschinen! Normalerweise würde ich sie mit Fusstritten bearbeiten, aber da wir uns noch nicht kennen, möchte ich den guten Anschein wahren..."
Was? Der Erleuchtete wird wütend? Thront ein Weiser nicht für immer in olympischer Gleichmut, die durch nichts gestört werden kann, schon gar nicht durch einen ganz gewöhnlichen Zahlautomaten auf einem ganz gewöhnlichen Flughafenparkplatz? Wir sind ganz offenbar weit vom Himalaya-Lächeln und dem Lotussitz eines Swami "Noch-abgehobener-als-mich-gibt's-überhaupt-nicht", der sich auf jeden Fall niemals mit solchen profanen und unvorhersehbaren Dingen beschäftigen würde wie damit, Geldstücke (Geld, bah! schrecklich!) in eine unberechenbare Maschine zu stecken. Aber wie war das? Dieser Erwachte hier ärgert sich? Darauf würde ich am liebsten antworten: der Erwachte lebt und amüsiert sich. Stellen wir die Sache mal klar: diese Maschinen, die die halbe Zeit nicht funktionieren und gierig unsere Groschen schlucken, sind tatsächlich "bekloppte Erfindungen". Soll man es besser nicht sagen unter dem Vorwand, einen spirituellen Anschein zu bewahren? Mir scheint, dass Steve diese "verflixte Maschine" mit demselben belustigten, lebenssprühenden Blick betrachtet wie alles andere auch, sei es lebende oder tote Materie. Ich habe keineswegs den Eindruck, dass ihn diese kurze Episode in irgendeinerweise stört oder aus dem Gleichgewicht bringt. Das hätte ja auch gerade noch gefehlt, werden Sie sagen, und doch ... haben Sie sich nie dabei ertappt, und sei es nur einige Augenblicke lang, wie Sie das Schicksal, die Götter oder Ihr angeborenes Missgeschick verwünschen, wenn Sie mit einem solchen harmlosen Vorfall konfrontiert waren; wie Sie sich über Ihr Schicksal und die ganze Welt ärgern, weil die immer "gegen" Sie sind, oder über die Realität, weil sie nie Ihren Wünschen entspricht; haben Sie nie behauptet: "nichts funktioniert je, und das Leben ist wirklich unerträglich" ... ?
Kommen wir zu Steve zurück, der amüsiert lacht, nachdem er den Apparat ausgeschimpft und bestraft hat. Wir sind jetzt per Auto zu seiner "Klause" unterwegs, die sich einiger Entfernung von Ajaccio befindet. Er erklärt uns, wie glücklich er ist, hier mit seiner Frau friedliche Tage zu verbringen. "Das ist ein ganz besonderer Flecken hier ... Dies Haus steht nicht in Frankreich. Steht es überhaupt irgendwo im Universum? Das muss erst noch bewiesen werden!" Ganz offensichtlich hat er im Immobilienwesen kein Vermögen angehäuft ("Fünfunddreissig Jahre Immobilienhandel! Mit vier Kindern musste ich ja Kohle heranschaffen ... ich hab's gemacht. Was ein furchtbarer Beruf! Als ich endlich damit fertig war, war ich halbtot, aber spirituell in Hochform..."), und lebt hauptsächlich von dem, was sein "Bed and Breakfast" einbringt - im Sommer ist es stets ausgebucht. Also: kein Ashram, noch nicht einmal eine Schule, überhaupt keine Lehrstruktur: vor allem empfängt er Touristen, die nicht für einen einzigen Augenblick auf die Idee kommen, dass sie bei einem Mann wohnen, dem in sehr jungen Jahren das Geheimnis der Geheimnisse enthüllt wurde: die innerste Realität, die im Herzen des Wesens ruht, die "Perle ohne Preis", das "Königreich im Innern", Ausgangspunkt und Ziel aller religiösen Traditionen. Die überwiegende Mehrzahl dieser Urlauber hat von "Befreiung" und "Erwachen" zweifellos nicht die geringste Vorstellung. Sie mögen diesen "originellen" Gastgeber allenfalls sympathisch, vielleicht interessant finden. Es kann geschehen, dass ein etwas neugieriger Reisender an einem langweiligen Abend ein altes Exemplar von "Dieses Leben liebt mich" zur Hand nimmt und sich daraufhin ein Dialog anknüpft. Aber meist fahren die Durchreisenden wieder ab, ohne auch nur zu vermuten, dass sie mit einem Menschen zusammengewesen sind, der gefunden hat, was wir alle, oft ohne es zu wissen, suchen; ein Pilger, der still steht am Ende aller Wanderungen ... Einige wenige, die auf der Lauer liegen und, durch einen Artikel im "Troisième Millénaire" oder durch Hörensagen von Jourdain und seinem "Erwachen" erfahren haben, kommen hierher, um den seltenen Vogel in seinem Nest zu überraschen, mit dem klaren Wunsch, etwas von seiner Einsicht und seinem Strahlen einzufangen. Steve empfängt all diese "Touristen der dritten Art" ohne jegliche Umstände. Er nimmt sie auf Spaziergänge mit und spricht gerne mit ihnen; immer nur soweit allerdings, wie ihre Aufnahmefähigkeit es zulässt. Es ist ihm keineswegs daran gelegen, Anziehungspunkt für Neugierige, die metaphysische Attraktionen suchen zu werden , oder in irgendeinem "Führer spiritueller Monumente" zu erscheinen.
Er sagt mir sogar, dass er manchmal Besucher hinausgeworfen hat, die er für gar zu naiv hielt; allerdings kann ich ihn mir kaum als seinen eigenen Leibwächter vorstellen, soviel natürliche Güte geht von ihm aus.
VIII EINE KINDHEIT UND IHRE "AUGENBLICKE"
G.F. Fangen wir also am Anfang an, oder tun wir zumindest so, als gäbe es einen Anfang; denn dieses Erlebnis, zu dessen Sänger Du Dich gemacht hast, liegt ausserhalb der Zeit. Ich glaube, schon als kleines Kind hast Du ungewöhnliche innere Erlebnisse gehabt, die viele ohne zu zögern "mystisch" nennen würden, und die für Dich ganz alltäglich waren ...
S.J. Ja ... (er nimmt einen gründlichen Zug an seiner Zigarette). Erst Jahrzehnte später habe ich gemerkt, dass diese meine Erlebnisse für andere eine Seltenheit sind. Ich hielt diese Veranlagung für Allgemeingut, und unglücklicherweise ist sie es nicht. Mein Erinnerungsvermögen reicht sehr weit zurück, mindestens bis zum Alter von eineinhalb Jahren. Aus dieser Zeit habe ich Erinnerungen von kristallener Klarheit. Eins ist sicher: ich verfügte damals bereits über die gesamte innere Ausrüstung, mit der ich 15 Jahre später das "Umkippen" erlebte, als diese "Sache" über mich als Jugendlicher hereinbrach. Es scheint, dass ich quasi fertig auf die Welt gekommen bin, und das ist, wie ich später herausgefunden habe, mit Sicherheit nicht der Fall für die meisten Menschen. Mit anderthalb Jahren war ich innerlich vollkommen ausgerüstet und voll meiner selbst bewusst, natürlich ohne über Worte und Konzepte zu verfügen, die mein Erleben klar hätten ausdrücken können. Ich erinnere mich daher ganz deutlich an das, was ich meinen ersten "Augenblick" nennen würde: ich war anderthalb Jahre alt, und versuchte, begleitet von meinem Grossvater ein Kieselsteinchen durch das Loch einer Gulliplatte zu werfen versuchte - ein besonders spannendes und erzieherisch wertvolles Spiel! Diese "Augenblicke" setzten sich meine ganze Kindheit hindurch fort; sie wiederholten sich fast täglich, so dass ich nicht einen besonderen Augenblick erlebt habe, sondern tausende ...
G.F. Könntest Du mir sagen worin die Besonderheit dieser Momente bestand? Was geschah da?
S.J. Diese Augenblicke sind sehr verschiedenartig. Dass wir uns recht verstehen: der Gehalt des Erwachens ist Eins und untrennbar. Das Urlicht nimmt nach und nach vielfältige Gestalt an, ohne dass seine Einheit davon berührt würde. Was hingegen diese "Augenblicke" oder besonderen Momente betrifft, so können sie ganz verschiedenartige Gehalte haben. Formulieren wir es so: sie nehmen immer die Form eines krassen, völlig unerwarteten Bruchs an. Man kann sich nicht darauf vorbereiten, sie brechen über einen herein, ohne sich anzukündigen.
G.F. Ein Bruch, sagst Du; ein Bruch mit was?
S.J. Mit der gewöhnlichen Art der Wahrnehmung. Diese "Augenblicke" sind immer von einem grossen Glücksgefühl begleitet, von einer tiefen Seligkeit, auch wenn es hier Nuancen gibt ... es gibt Glücksgefühl und Glücksgefühl. Auf jeden Fall sind es Momente ungewöhnlicher und durch nichts zu rechtfertigender Seligkeit, in ihrer Intensität, ihrer Akutheit und ihrer Art, sich grundlegend von der gewöhnlichen Wahrnehmung zu unterscheiden. Fügen wir noch hinzu, dass diese gewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeit bei kleinen Kindern in hervorragendem Zustand ist. Wir finden es in Ordnung, dass die Wahrnehmung eines Erwachsenen grau aussieht, nicht wahr? Bei einem "Erwachsenen" nimmt solch ein Erlebnis die Form eines goldenen Flecks auf grauem Hintergrund an. Aber bei einem kleinen Kind funktioniert die Wahrnehmung ja noch ganz wunderbar. Und doch sind diese Augenblicke derart akut, dass im Verhältnis zu ihrer Intensität selbst die intakten Wahrnehmungsfähigkeiten eines kleinen Kindes grau und kontrastlos erscheinen. Was den Inhalt dieser Erlebnisse betrifft ... da gibt es Tausende! Häufig verschwindet die grundlegende Empfindung eines Bruchs zwischen "mir" und "dem Rest". Das ist es sicherlich, was heute vielfach unter dem Begriff "Verschmelzen von Subjekt und Objekt" verstanden wird, ein Ausdruck, der mir völlig unpassend scheint.
G.F. Warum?
S.J. Was geschieht ist tatsächlich eine Vereinigung von Subjekt und Objekt, aber die beiden "verschmelzen" nicht in irgendeinem vereinigenden Magma. Das Wunderbare an dieser Art von Erlebnissen ist dies: ohne im geringsten meine Identität zu verlieren, während ich also, in aller Legitimität gewissermassen, das bleibe, was ich bin, werde ich der Tisch, oder der Ofen, oder der Berg, oder die ganze Landschaft, und jeder von diesen bleibt in seiner Integrität erhalten. A bleibt A, B bleibt B, und trotzdem befindet sich A mitten in B, und B mitten in A. Das Wunder könnte nicht stattfinden, wenn auch nur eines der beiden Elemente im Moment des Verschmelzens die Qualität seiner Einzigartigkeit verlieren würde. Dieser Punkt scheint mir wichtig, da er offenbar meist falsch verstanden wird. Nach allem, was man hier und da hört oder liest: wenn Hans der Baum wird, wird der Baum als solcher aufgezehrt, und Hans ebenfalls. Aber keinesfalls! Hans bleibt als Hans in seiner Integrität bestehen, und der Baum als Baum in der seinen, und dennoch haben sie aneinander teil. Hierin besteht das Wunder: in der Gleichzeitigkeit von Verschmelzen und dem Aufrechterhalten der innewohnenden Identität der beiden. Würde ein zunichtegemachtes A in ein zunichtegemachtes B verschmelzen, wäre da wirklich nichts besonderes dran! Das Einzigartige ist es gerade, dass zwei völlig verschiedenartige Wesenheiten sich zutiefst verbinden, wobei jede in ihrer ursprünglichen Andersartigkeit erhalten bleibt.
G.F. Dieses Wunder ist also eins der Merkmale jener "Augenblicke"...
S.J. Ja. Im allgemeinen fühlen wir ständig, mehr oder weniger dunkel, den Bruch zwischen "Ich" und "Nicht-Ich", eine Ur-Trennung zwischen unserer inneren Realität und all dem übrigen. Während jener "Augenblicke" verschwindet dieser Bruch. Noch einmal: es handelt sich nicht einfach um die Abschaffung der Dualität, sondern um das Zutagetreten einer Einheit inmitten der Dualität. Hier stossen wir auf ein besonders wichtiges Konzept, dem einer gesunden und legitimen Dualität. Ich habe mir sagen lassen, dass viele (spirituelle) Lehren und Ansätze auf der "Nicht-Zweiheit" basieren; aber während es tatsächlich eine verfälschte Dualität gibt, existiert ebenfalls eine völlig legitime und notwendige Dualität, die sich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit manifestiert. Wir sprechen offenbar die meiste Zeit hauptsächlich von der räumlichen Dualität; sicher, mich trennt etwas von dem Baum, aber mich trennt auch etwas von dem, was ich war oder sein werde; das, was mich von meinem Tod trennt, zum Beispiel. Schliesslich ist das Leben eines Menschen etwas sehr Wichtiges! Mein eigener Tod ist viel handgreiflicher und, für mich, viel wichtiger als der Baum, mit dem ich nichts zu schaffen habe! Die Dualität ist da, sie manifestiert sich im Raum und in der Zeit; und in Raum und Zeit kann sie entweder gesund sein oder verfälscht. Meiner Ansicht nach ist es ein schwerwiegender taktischer Fehler, Leute (Suchende) auf die Zerstörung der Dualität anzusetzen, ohne zuvor die Unterscheidung zwischen gesunder und verfälschter Dualität zu treffen. Sie haben dabei genau so viel Chancen, sich zu verletzen oder umzubringen wie sich zu retten. Man kann die Dualität nicht leugnen, sie ist das Prinzip des Lebens. Wenn sie allerdings in der Gestalt von verfälschter Dualität, die ein Produkt unseres persönlichen Denkens ist, erscheint, so muss man dazwischenfahren. Das muss ich wiederholen und unterstreichen: die Dualität, soweit sie ein Duplikat der Wirklichkeit ist, ein auf unserer persönlichen Erfahrung beruhendes und von uns persönlich geschaffenes Duplikat, ist ohne jede Rücksicht auszumerzen. Aber sobald dieser Schleier verbrennt, in dem wir uns gewöhnlich bewegen, sobald diese gewaltige subjektive Seifenblase platzt, was finden wir da, hm? Was wirst Du sehen, wenn Du Deine Blase verlässt? Die Welt, ganz einfach! Da gibt es etwas. Da gibt es mich und den Baum. Die Dualität ist da.
G.F. Die Dualität bleibt bestehen, in anderer Weise ...
S.J. So ist es.
G.F. Wenn ich Dich recht verstehe, so gibt es eine Dualität, die in sich selbst real ist, die Du als gesund bezeichnest...
S.J. Gesund, einfach und göttlich!
G.F. Und eine ungesunde Dualität, unwirklich, nichts als ein Produkt unserer Subjektivität...
S.J. Diese Geschichte mit der Dualität ist ein komplexes Phänomen; ich werde versuchen, sie zusammenzufassen. Was man früher unsere Seele nannte - ein Begriff, der unmodern geworden ist und den man ohnehin ungeschickt benutzte, indem man sagte "ich habe eine Seele" statt "ich bin eine Seele" - ist das, was ich unsere spirituelle Essenz nennen würde; sie ist die einzige Quelle, aus der alles stammt. Unsere eigene Essenz ist der Ursprung dessen, was wir die Welt nennen - und unter "Welt" verstehe ich nicht nur die sogenannte äussere Realität sondern auch meinen Geist, meinen Geist in meinem Körper, meinen Körper in der Welt, und dies ganze fortgetragen von der Zeit. Mit anderen Worten, alles entspringt aus unserem innersten Grunde. Unsere Essenz ist schöpferisch. Im Urbeginn, das heisst jetzt, sofort, unmittelbar - ich spreche nicht von einem historischen, sondern von einem augenblicklichen Urbeginn - ist diese mir innewohnende Quelle Schöpferin der Welt: sie erschafft die wahrnehmbare Realität genauso wie meinen Geist und meinen Körper. Solange wir uns hiervon nicht entfernen, befinden wir uns im Stadium der Weltschöpfung, das heisst in jener Entwicklungsstufe aller Dinge, die dem Garten Eden entspricht. Und dann im allernächsten Augenblick geht alles schief, eine zweite Schöpfung entsteht. Denn unsere Quelle ist gewissermassen eine doppelte. In dieser zweiten Schöpfung bin ich es, persönlich, Stephen Jourdain, der Vater der Welt; ich beanspruche sowohl die Vaterschaft als auch den Verdienst dafür, während in der ersten Schöpfung alles aus den Tiefen meiner selbst entspringt, aber gleichsam unpersönlich, ohne irgendeinen persönlichen Eingriff meinerseits. Ausgeschlossen, mir dafür selbst den Verdienst zuzuschreiben. Kurz gesagt gibt es zwei Quellen: eine ist legitim; sie macht den tiefsten Grund des Menschen aus, aber funktioniert auf solche Art, dass der Mensch sich keinesfalls ihr Sprudeln als sein eigenes Tun zuschreiben kann ...
G.F. Eine unpersönliche Quelle also ...
S.J. Sie so zu nennen wäre unangebracht, denn wir befinden uns hier im Zentrum der Person selbst. Genau hier ist das Paradox, das wunderbare ... Nun, sagen wir eine unpersönliche Quelle in dem Sinn, dass es zu keinerlei Inbesitznahme durch das Ich kommt.
G.F. Und eine andere, verseuchte Quelle ...
S.J. Aus der diese Fälschung stammt, diese blasse Kopie der Realität - der inneren und äusseren -, in der wir leben. Diese zweite Quelle verfälscht alles, mit einem Schlag. Diese Verfälschung findet bereits von Geburt an statt, sie ist bereits am Funktionieren, wenn der Säugling den Leib seiner Mutter verlässt. So kommt es, dass wir von Anfang an in einem Zustand von Dauerhalluzination leben, im Strom dieser unreinen Quelle.
G.F. Kommen wir auf Deine Kindheitserlebnisse zurück; diese "Durchbrüche" waren also Teil Deines täglichen Lebens ...
S.J. Ja, und das umso mehr als dass ich zusätzlich zu jenen "Augenblicken", die spontan passierten, andere willentlich hervorrief. Ich war imstande, durch die eine oder andere innere Geste das eine oder andere Erlebnis zu provozieren. Für mich war das ein Spiel, und jeden Tag verbrachte ich eine gute Stunde damit, so wie andere Kinder mit Bauklötzen spielen.
G.F. Du hast "Bewusstheit" gespielt ...
S.J. Gewissermassen ... Ich würde es allerdings nicht so nennen, denn dies gehörte nicht ins Register des Erwachens, sondern ins Register des Erlebens. Es war nicht der Anblick des Meers, sondern, sagen wir, der Düne. Meine ganze Kindheit ist von dieser Atmosphäre geprägt gewesen. Ich sprach nicht mit meinen Eltern darüber, denn es gehörte zu der Art von Geheimnissen, wie Kinder sie haben. Zudem, da jeder Mensch spontan sein eigenes Erleben für allgemeingültig zu halten neigt, war ich überzeugt, dass jedermann das erlebt, was ich erlebe. Als ich viel später, mit dreissig etwa, anfing darüber zu sprechen ... wie gross war mein Erstaunen als ich herausfand, dass meine Kindheitserlebnisse etwas völlig Ungewöhnliches waren ...
G.F. Hattest Du geglaubt, jeder sei erleuchtet?
S.J. Nein, nein! Wir dürfen diese verschiedenen inneren Erlebnisse nicht mit dem Erwachen verwechseln, oder das Sehen der Düne mit dem Sehen des Meers. Ich wusste sehr wohl, dass die Leute, denen ich begegnete, nicht erwacht waren; dass das, was mir mit sechzehn "passiert" war, wenn ich so sagen darf, ihnen nicht passiert war. Hingegen war für mich selbstverständlich, dass alles, was ich in meiner Kindheit erfahren hatte, Allgemeingut war. Es war für mich eine der grossen Überraschungen meiner Existenz und ein echter Beunruhigungsfaktor, als ich herausfand, dass dem nicht so ist. Hinzu kam, dass mir das, was mir mit sechzehn wiederfahren war, als ein ganz unerhoffter Glücksfall erschien. Die Chance war eins zu einer Milliarde, dass es aus den Tiefen dieses Terrains herausschiesst. Eine Chance auf eine Milliarde, das ist sehr wenig, aber es ist wenigstens eine. Und dann habe ich herausgefunden, dass bei so gut wie allen Menschen das Terrain gar nicht existiert! So wurde es noch schwieriger für mich, mein Erleben mit anderen zu teilen. Ich hatte schon den Eindruck gehabt, dass ein Abgrund bestünde, aber dieser Abgrund ist daraufhin ins Unendliche gewachsen ...
G.F. Bevor wir hier weitergehen, eine Frage über das Gedächtnis: Du hast mir gesagt, dass Du Deine Erinnerungen sehr weit zurückreichen. Heisst das, dass die Erlebnisse, die Du beschreibst, das Langzeitgedächtnis fördern?
S.J. Ja, und ich könnte sogar sagen, dass ich gewissermassen nie Kind gewesen bin. Wenn ich vergleiche, wer ich im Alter von anderthalb Jahren war, und wer ich mit sechzehn war, den Bruchteil einer Sekunde vor dem Erwachen, so stelle ich keinen Unterschied fest. Ich war genau der gleiche. In Wirklichkeit glaube ich, dass meine Erinnerungen noch weiter zurückgehen. Das ist hier völlig nebensächlich, ich erwähne es nur im Vorübergehen, aber soweit man der Idee vom intra-uterinen Leben die geringste Realität zubilligen will, so habe ich Erinnerungen an diese Periode.
(Diese Sätze sind typisch für das, was mich im Laufe unseres Gesprächs immer wieder zutiefst überraschen wird: zu einer Vielzahl von Themen, die allgemein höchstes Interesse wecken - wie zum Beispiel das Leben vor der Geburt - und denen zahlreiche Forscher und esoterische Klügler ganze Bände widmen - hätte Jourdain einiges zu sagen, vielleicht mehr, als er selbst vermutet, da er ihnen keine Bedeutung beimisst. Ich bin so gut wie sicher, dass er absichtlich zahllose "Begleiterscheinungen" seines Erlebens verschweigt, eben weil es Begleiterscheinungen sind; auch wenn Leute im allgemeinen häufig das Anekdotische dem Wesentlichen vorziehen. Vielleicht ist ihm auch daran gelegen, mit diesen grossenteils zum Bereich des sogenannten Okkulten oder Unbekannten gehörigen Randerscheinungen nicht noch zusätzlich Wasser auf die Mühle derer zu bringen, die ihn eh schon für verrückt halten ... Da ich, wenn ich es so sagen darf, sein Vertrauen habe, halte ich mich an folgende Strategie: ich bitte ihn nie, sich über all diese faszinierenden "Nebenerscheinungen" auszulassen, aber von Zeit zu Zeit ergreife ich eine Gelegenheit, ihn ein klein wenig weiter zu drängen, und sei es nur, damit wir eine Ahnung von der Weite seines Blickfelds bekommen. In seinen inneren Schubladen verfügt Steve über alles, was man braucht, um samt und sonders all jene zu Millionären zu machen, die ihre Karriere auf eine Intuition oder eine Vision dieses oder jenes winzigen Aspekts der sogenannten okkulten oder unerforschten Realität gründen.)
XII ÄUSSERE ZEICHEN VON WEISHEIT
G.F. Mit sechzehn Jahren also das Erwachen. Und die Anderen? Hast Du mit niemandem darüber gesprochen?
S.J. Mit niemandem! Nun, sagen wir, ich habe zwei-oder dreimal versucht, mit meinem Vater, meinem Grossvater oder meiner Mutter darüber zu reden ... aber das hat jedesmal zu nichts geführt, und so habe ich beschlossen, den Mund zu halten. Ehrlich gesagt war ich zehn Jahre lang überzeugt, dass ich ihn nie wieder aufmachen würde. Mit sechzehn ist die Erleuchtung geschehen, und erst mit etwa dreissig habe ich angefangen, darüber zu sprechen.
G.F. Und niemandem ist etwas aufgefallen?
S.J. Nein. Das Besondere an dieser Sache ist, dass sie sich nicht bemerkbar macht. Das Erwachen bringt keinerlei Auswirkungen mit sich. Wie man so sagt: alles ist verändert, nichts ist verändert ...
G.F. Nun ja. Ich glaube, dass ich intuitiv verstehe, was das bedeutet, aber diese Formulierung befriedigt mich nicht ganz ...
S.J. Womit Du recht hast! Im Allgemeinen sind die Leute begeistert von diesem Satz, sie haben den Eindruck, jetzt hätten sie alles verstanden und es gäbe weiter nichts hinzuzufügen: alles ist verändert, nichts ist verändert, alles ist in allem und umgekehrt, und bla bla bla ... So kommt es, dass keiner irgendetwas versteht und alle in Verwirrung versinken. Nichtsdestotrotz beinhaltet dieser Satz eine tiefe Wahrheit. Dieses Ereignis, das einzige wahre Ereignis in einer menschlichen Existenz, ist gleichzeitig ein absolutes Nicht-Ereignis, wie wir bereits sagten. Und ein Nicht-Ereignis kann keine Auswirkungen mit sich bringen.
G.F. Aber dennoch ...
S.J. Nein. Das Erwachen nimmt alles als eine Ausdehnung seiner selbst wahr, als eine Marionette, an deren Fäden es zieht. Wenn ich eine brillante Überlegung über die Natur des Erwachens anstelle, so nehme ich sie als irreel war, als eine Marionette, die ich selbst bewege. Da ich nicht vergesse, dass es meine eigene Hand ist, die da die Puppe zum Tanzen bringt, kann ich nicht an ihre Realität glauben. Es könnte mich verlocken, eine Philosophie des Erwachens zu konstruieren, aber ich kann unmöglich an sie glauben, und also kann sie in keiner Weise mein Verhalten beeinflussen.
G.F. Aber Du hast klar gefühlt, dass dieses Erlebnis Dich von anderen Menschen unterscheidet?
S.J. Als es geschah, habe ich in voller Deutlichkeit den Abgrund gespürt, der mich von den anderen trennte. Ein unüberwindbarer Abgrund, seien wir ehrlich. Wenn dies über Dich hereinbricht, wirst Du den Eindruck haben, dass sich zwischen Dir und den im gewöhnlichen Bewusstseinszustand dämmernden Menschen eine derartige Kluft auftut, dass man noch nicht einmal den Gedanken an eine eventuelle Verbindungsbrücke hegen kann. Die Entfernung ist gewaltig ... Heute, vierzig Jahre später, sieht es etwas anders aus. Damit will ich sagen dass ich, durch eine Art Projektion, alle Menschen als erwacht wahrnehme, auch wenn ich intellektuell sehr wohl weiss, dass dem nicht so ist. Aber damals erschien mir der Abstand sehr spürbar, mit Händen zu greifen.
G.F. Und doch, wenn ich Deinen Worten glaube, ist es unmöglich, an einem Erwachten irgendetwas Ungewöhnliches wahrzunehmen ...
S.J. Nun, einem intelligenten und sehr aufmerksamen Beobachter könnten schon einige Dinge auffallen. Aber ich habe mich immer bemüht, nichts durchscheinen zu lassen. So wie man nicht in der Öffentlichkeit vögelt, es sei denn, man ist Exhibitionist, so kommt es nicht in Frage, diese ganz intime Realität des Erwachens vor anderen auszubreiten.
G.F. Seien wir hier einmal genauer: was könnte jemand von aussen bemerken?
S.J. Nun, nehmen wir zum Beispiel die multidirektionelle Aufmerksamkeit, die mit dem Erwachen einhergeht ...
G.F. ?
S.J. Ja, der Charakter der Aufmerksamkeit selbst ändert sich. Zuvor war die Aufmerksamkeit einem starren Metallpfeil vergleichbar. Dieser Pfeil hatte ein punktuelles Ziel: jeder Akt von zielgerichteter Aufmerksamkeit liess den ganzen Rest im Schatten der Unaufmerksamkeit verschwinden. Mit dem Erwachen ändert sich dieses Gesetz, und der Pfeil öffnet sich zum Fächer, so dass man zur multidirektionellen Aufmerksamkeit gelangt: ein Schock. Man beginnt, alles gleichzeitig zu sehen, eine Milliarde Dinge werden gleichzeitig wahrgenommen, und der Reichtum der irdischen Landschaft erweist sich als schier unglaublich. Es liegt auf der Hand, dass ein einigermassen aufmerksamer Beobachter die physischen Veränderungen feststellen würde, die eine solche Panorama-Aufmerksamkeit in dem glücklichen Opfer dieses Phänomens bewirkt, und sei es nur, weil man in diesem Moment in Extase gerät ... Kurz gesagt, da geschieht etwas, mit Sicherheit! Noch andere Anzeichen liessen sich beobachten, aber sie sind sehr diskret ...
G.F. Zum Beispiel?
S.J. Wir haben vorhin die grundlegende Unterscheidung zwischen "Gott" und "Paradies" getroffen. Wenn es um jemanden geht, der im Paradies wohnt, so gibt es durchaus Veränderungen; es ist relativ einfach wahrzunehmen, was anders wird bei einem Menschen in Extase. Aber wenn ich Gott bin ... Nun, setzen wir voraus, dass man dies Gott nennen kann. Diese Sprache ist nicht die meine, aber sie hat den Vorzug, der Erhabenheit des Themas und der Dimension der Antwort gerecht zu werden. Wenn ich direkt die Frage gestellt bekomme: "Sind Sie Gott?", dann werde ich nicht ausweichen: ich antworte "ja, ich bin Gott, das ist ganz offensichtlich." Das bringt mich in eine ziemlich unbequeme Position. Ich bin zunächst einmal eine Kreatur; aber gleichzeitig ist ein Teil meiner selbst tatsächlich Gott. Um die Dinge klarzustellen, so unerträglich derartige Aussagen auch sein mögen: was in mir brennt, verdient den Namen Gott. Zumindest bietet sich mir damit eine Möglichkeit, von der Dimension dessen zu sprechen, was ich bin. Andererseits bin ich überhaupt nichts. Da dieser Punkt jetzt klargestellt ist, kann ich auf Deine Frage antworten. Der Mensch, in dem Gott hervorgebrochen ist, ist auf immer ununterscheidbar vom gewöhnlichen Sterblichen, aus dem einfachen Grunde, dass Gott keinerlei Einfluss hat. Gott ist die äusserste Spitze des Seins, und in dieser äussersten Spitze verhält sich das Sein wie ein Nichts. Es gibt Gott als Sein, und es gibt Gott als Nichts. Wie wir schon sagten, das Erwachen ist ein fundamentales Nicht-Ereignis. Dieser reine Widerspruch liegt in der Essenz Gottes. Existierte dieser Widerspruch nicht, so existierte gar nichts. Zehn oder fünfzehn Jahre lang nahm ich das Nichts Gottes durch das Fenster des Seins Gottes wahr; seit fünfundzwanzig oder dreissig Jahren nehme ich das Sein Gottes durch das Fenster des Nichts Gottes wahr. Es ist zu einer Umkehrung gekommen. Während ich so zu Dir spreche merke ich, wie sehr meine Sprache pseudo-philosophisch oder mystisch erscheinen muss, beides recht widerliche Dinge. Aber diese Sprache ist rein beschreibend; ich extrapoliere nicht, ich mache keine Ableitungen, ich versuche mühsamst zu beschreiben. Kurz gesagt, es gibt keine wirklichen äusseren Anzeichen des Erwachens ... Die Leute bestehen auf ihrer naiven Überzeugung, dass das Erwachen sich in bestimmten Verhaltensweisen niederschlagen müsste ... Manchmal kann das zweifellos zutreffen. Ich vermute, würde man mein Verhalten analysieren, so kämen wohl doch ein paar ungewöhnliche Dinge zum Vorschein. Aber in Wirklichkeit ist der Erwachte vor allem ein unauffälliger Mensch, ein Mensch, der im Wesentlichen genauso ist wie alle anderen. So sein wie alle anderen: in gewissem Sinne gibt es keine bessere Art, der fundamentalen Unehrehrbietigkeit, von der ich spreche, mit Achtung zu begegnen. Ich will vollkommen normal sein, nicht nur normal, sondern frivol: ich zerstöre mich mit meinem Tabakrauchen, ich spiele Golf, ich kratze mich am Kopf, ich fluche wie ein Kutscher. Und all das ist für mich eine Weise, von der Inexistenz des Erwachens zu zeugen. Durch diese Inexistenz verleihe ich ihm Dasein. Das ist eine Frage von Treue. Verstehst Du, es geht um mich!
