Wolfgang Bernard's Advaita-Lehrmethode

 

Auszüge aus:
Wolfgang Bernard

In sich hinausgehen.
Mit NLP zum Ur-Credo

VAK Verlag für Angewandte Kinesiologie GmbH, Freiburg 1996
Lektorat: Norbert Gehlen
Mit einem Vorwort von Dr. Stephen Wolinsky

Dieses Buch ist die vom Autor selbst übersetzte, stark erweiterte und bearbeitete Fassung eines Werkes, das zunächst in französischer Sprache erschienen ist: Le Chant des Sirènes. La P.N.L. et la Perception Pré-sensorielle, Paris: Editions A.L.T.E.S.S., 1995

 

Vorwort von Dr. Stephen Wolinsky

Ich war gerade dabei, ein Seminar in der Schweiz zu leiten, als mir ein Fax von Wolfgang Bernard ausgehändigt wurde, aber ich schenkte ihm keine weitere Beachtung. Alfred, mein Übersetzer und Verleger, hatte gerade Wolfgang’s Buch herausgegeben und kannte ihn persönlich. Er sagte: „Ihr würdet Euch bestimmt sehr gut verstehen“.

Von der Schweiz aus flog ich nach Griechenland, wo ich meinen Papierkram erledigte. Und da fand ich Wolfgang’s Fax. Meine nächste Station war Nizza. Ich schaute nochmals auf das Fax, und dort stand, dass Wolfgang in Südfrankreich wohnt. Ich entschloss mich, ihn anzurufen, um herauszufinden, ob es irgendwie möglich ist, dass wir uns zu treffen. Am Telefon fing er an zu lachen. Wolfgang arrangierte ein Treffen. Was anfangs wie eine zufällige Begegnung schien, wurde für uns beide zu einer aussergewöhlich gnadenreichen Zusammenkunft. Wir waren sofort wie Zwillingsbrüder, die sich lange nicht gesehen hatten, vereint, wiedervereint – im NICHTS.

Ich verbrachte mehrere Tage Mit Wolfgang und seinen Freunden. Wolfgang gab mir sein Buch zu lesen, und ich schrieb ein paar Kommentare. Was mich dazu veranlasste, sein Buch zu lesen und Kommentare zu schreiben (was ich normalerweise nicht tue), war die Präzision, mit der er das Ur-Credo beschrieb.

Wolfgang ist ein Freund und Bruder geworden. Sein Buch ist leicht eingängig und wird bahnbrechende Auswirkungen auf dem Gebiet der Psychologie und Spiritualität haben, sowie für jeden, der auf der Suche nach sich selbst ist. Ich wünsche im grossen Erfolg.

Stephen H. Wolinsky, Ph.D.

September 1996

(Dr. Stephen Wolinsky ist Autor von diversen Büchern, u.a.: Die dunkle Seite des inneren Kindes, Die Essenz der Quantenpsychologie, Quantenbewusstsein, Die alltägliche Trance, Ich bin dieses Eine, Der Weg des Menschlichen, Jenseits des Enneagramms, Eins werden oder sich begegnen? Das Tao des Chaos, Das Tao der Meditation.)

 


Kapitel I: Vorsinnliche Wahrnehmung - die erlebbare Dimension des Unnennbaren
Funktionelles und Existentielles - zwei völlig verschiedene logische Ebenen
Die trennende Identität
Die vorsinnliche Wahrnehmung: Anregungen zum In-sich-Hinausgehen
NLP und vorsinnliche Wahrnehmung

Kapitel II: Die Bedeutung der menschlichen Sprache für das Entstehen der Identität
Sprache aus der Sicht des NLP
Primäres und sekundäres Lernen
Generalisierung Tilgung Verzerrung
Das Meta-Modell der Sprache
Sprache und Identität

Kapitel III: Das Ur-Credo als Kernstück der Identität
Die Bedeutung von Glaubenssystemen und Überzeugungen
Die Bedeutung der Identität im Leben des Menschen
Der „Wer-bin-ich?"-Blues
Das Ur-Credo
Hypothesen zur Entstehung des Ur-Credos
Mentale Vorbereitung auf den Ur-Credo-Prozeß
Die konkrete Arbeit am Ur-Credo-Prozeß
Weiterführende Denkanstöße
Der Schmetterling, von Marie Noëlle Pélerin
Erfahrungsberichte

Kapitel IV: Der essentielle Wert - die Art, wie sich das Unnennbare in jedem Menschen ausdrückt
Kriterienermittlung im NLP
Das Aufdecken des uns allen innewohnenden essentiellen Wertes
Erfahrungsberichte

Kapitel V: Hinter den Kulissen - Fragen und Antworten
Zum Ur-Credo
Zum essentiellen Wert
Zur vorsinnlichen Wahrnehmung

Schlußwort: Sirenengesang (Fortsetzung)
Nachwort von Stephen Jourdain
Anhang
Odysseus und die Sirenen
Schlüsselbegriffe dieses Buches
Literaturverzeichnis
Über den Autor
Seminarveranstalter


Vorwort zur deutschen Ausgabe

Worte regen den Sucher zum Suchen an und Nachlässige zur Müdigkeit. (Rumi, islamischer Mystiker)
In meinem bald zwanzigjährigen Dasein als Landwirt gehören Rhythmen und Zyklen der Natur zum Alltag. Es gibt fruchtreiche und fruchtarme Jahre, und es gibt besonders bemerkenswerte Jahre. Ein solches war für mich das Jahr, in welchem sich der Lebensweg von Wolfgang Bernard mit dem meinen kreuzte. Sein kompromißlos herzliches Handeln ist Bestandteil einer außergewöhnlichen Freundschaftsbeziehung zwischen uns geworden. Mir haben sich seitdem unerwartete Horizonte aufgetan mit ungeahnten Früchten.
Die Arbeit des Autors als NLP-Trainer in Frankreich sowie die Entwicklung seiner im vorliegenden Buch dargestellten Forschungsergebnisse habe ich von Anfang an aus nächster Nähe verfolgen können. Wolfgang Bernard war schon seit vielen Jahren als Gruppentrainer und Psychotherapeut tätig gewesen, als er 1990 den von ihm entwickelten „Ur-Credo-Prozeß  in seine NLP-Grundausbildung einführte. Dem war das Aufdecken seines eigenen Ur-Credos vorausgegangen eine tiefgehende und umwälzende Erfahrung. Dieser existentielle Durchbruch zu seinem tiefsten Sein eröffnete ihm gänzlich neue Anwendungsbereiche des NLP.
Der von Wolfgang Bernard entwickelte Ur-Credo-Prozeß bietet allen Teilnehmern einer NLP-Ausbildung die Möglichkeit, bewußten Kontakt zur Quelle ihrer Persönlichkeit zu bekommen, und erweitert dadurch die dem NLP innewohnenden Möglichkeiten um ein existentiell entscheidendes Element: das Hinterfragen des Ego, der Identität.
Die von ihm angebotenen NLP-Ausbildungen beinhalten all das, was üblicherweise in diesem Rahmen gelehrt wird. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt jedoch auf dem Erforschen und In-Frage-Stellen der Identität. Die Ausbildung ist in zwei Zyklen gegliedert:
1. Practitioner-Ausbildung, einschließlich der Aufdeckung des essentiellen Wertes und des Ur-Credos;
2. Master-Practitioner-Ausbildung, ausgerichtet auf die Verfeinerung der Arbeit am Ur-Credo.
Außerdem gibt es für bereits ausgebildete Master Practitioner und NLP-Trainer die Möglichkeit, im Rahmen eines neuntägigen Zusatzseminars (dreimal drei Tage) den essentiellen Wert aufzuspüren sowie den Ur-Credo-Prozeß zu durchleben.
Mit dem Erscheinen des Buches in deutscher Sprache eröffnet sich nun erstmals auch deutschsprachigen Lesern die Möglichkeit, mit NLP die Grundfesten des Ichbewußtseins zu erkunden. Nach meiner persönlichen Erfahrung kann die Lektüre des Buches jedoch erst dann wirklich fruchtbar werden, wenn ganz konkrete und direkte persönliche Erfahrungen (im Rahmen von Seminaren) damit verbunden werden. Im Anhang findet sich daher eine Zusammenstellung von Ausbildungszentren, die Seminare zum Ur-Credo-Prozeß mit dem Autor als Trainer veranstalten.
Die existentiellen Grundfragen, die bei der Arbeit am Ur-Credo-Prozeß auftauchen, rütteln früher oder später an den Fundamenten der bisher mehr oder weniger zufriedenstellend „funktionierenden  Persönlichkeit. Oft habe ich bei mir und bei Mitsuchern mentale Blockaden und zyklische Sackgassen erlebt. Solange wir alle, die wir nach dem Sinn unseres Lebens suchen, nicht durch Schocks aus der Bahn geworfen werden, können wir keine grundlegend neuen Erkenntnisse gewinnen. In diesem Zusammenhang habe ich die Erfahrung gemacht, daß Lehrer wie Wolfgang Bernard, die selbst bis ans Ende ihrer Suche gegangen sind, ehrlichen Suchern eine wertvolle Hilfe beim „In-sich-Hinausgehen  sein können.
Thomas Wicke


Vorwort des Autors


Als ich 1985 eine NLP-Ausbildung begann, ahnte ich nicht, daß die dadurch eingeleiteten Lernprozesse mit meiner tiefsten inneren Suche in Einklang kommen würden: eine Freiheit jenseits von Glücklichsein zu leben.
Ohne meinen Freund Yvan Amar wäre dies nicht möglich geworden. Ich bin ihm 1986 zum ersten Mal begegnet. Er beschäftigt sich mit existentiellen Fragen, hält Vorträge hierzu und ist in Frankreich zu einer bedeutenden Bezugsperson geworden für Menschen, die ernsthaft an sich selbst arbeiten wollen. Die enge freundschaftliche Beziehung zu ihm half mir, der Dimension des „Nicht-Nennbaren  [Alfred Korzybski, 1933] gewahr zu werden, die ich im vorliegenden Buch „vorsinnliche Wahrnehmung  nenne. (Näheres hierzu in Kapitel I) Dadurch hat NLP in mir eine ganz neue Gestalt angenommen; ich wurde mir der Mikromechanismen bewußt, die den Trennungskonflikt am Leben erhalten und die uns daran hindern, die „alles verbindende Struktur  [Gregory Bateson, 1977] zu erkennen. In der Folge ging ich daran, diese Mechanismen mit gezielten mentalen Techniken in Frage zu stellen.
Ich möchte an dieser Stelle auch Stephen Jourdain meinen aufrichtigsten Dank aussprechen. Was er mir aus dem Schatz seiner umfassenden Kenntnis des menschlichen Bewußtseins vermittelt hat, ermöglichte es mir, meine Intuitionen in Begriffe zu fassen und sie in mein privates und berufliches Leben zu integrieren.

* * *
Wer eine NLP-Ausbildung gemacht hat, kennt die Wirksamkeit der NLP-Techniken, sei es im Bereich der Kommunikation, der Therapie, der Persönlichkeitsentwicklung oder des mentalen Trainings. Ist der Trainer kompetent, dann geht sozusagen die Post ab.
Man kann sich darauf beschränken, Ordnung in sein Leben zu bringen, erfolgreicher zu werden oder eine alle Erwartungen übertreffende persönliche Entfaltung zu erleben. Psychologisch gesund sein und mit beiden Füßen im Leben stehen das ist nicht nur ein ehrenwertes und erfüllendes Ziel, sondern auch notwendige Vorbedingung für diejenigen, die noch weiter gehen möchten: sich selbst in Frage stellen, um die Dimension der vorsinnlichen Wahrnehmung zu (er)leben. Diese Dimension befindet sich nicht auf derselben logischen Ebene wie Glücklichsein oder wie persönlicher und beruflicher Erfolg.
Ich möchte in diesem Buch aufzeigen, welche Möglichkeiten, uns selbst in Frage zu stellen, das NLP anbietet. Es wird dabei nicht um die Verbesserung der (psychischen) Lebensqualität gehen, sondern darum, wie wir NLP für existentielle Ziele einsetzen können.
Gleichwohl kann NLP uns nicht ebensowenig wie andere Psychotechniken zu unserer inneren Natur führen. Der Glaube, daß die Selbsterkenntnis irgendwo in der Zukunft liege oder durch irgendwelche Methoden zu gewinnen sei, ist ein (schwer zu überwindender) Irrglaube. Die eigentliche Botschaft dieses Buches kann man sich jedoch weder durch bloße Lektüre noch durch Teilnahme an entsprechenden Seminaren aneignen.
Jedem Menschen wohnt diese edelste aller Möglichkeiten inne: sich von dem zu befreien, was man das Trennungssyndrom nennen könnte. Betrachten wir NLP aus der Perspektive der vorsinnlichen Wahrnehmung, so bietet es ideale Techniken, um die Mikrostrukturen dieses Syndroms zu erforschen, welches uns den anderen als von uns getrennt sehen läßt und welches uns daran hindert, das Leben und alles Existierende als einen lebenden, beseelten Prozeß wahrzunehmen, in dem alles mit allem verbunden ist.
* * *
Mit diesem Buch stelle ich Ihnen den von mir entwickelten „Ur-Credo-Prozeß  vor. Im ersten Kapitel werden die allgemeinsten Erscheinungsformen der trennenden Identität betrachtet; außerdem wird das dem NLP zugrunde liegende Menschenbild im Licht der vorsinnlichen Wahrnehmung dargestellt.
Das zweite Kapitel erforscht die der Sprache zugrunde liegenden verborgenen Strukturen und stellt Hypothesen zur Ontogenese der Sprache auf.
Das dritte Kapitel behandelt das „Ur-Credo", denjenigen Bestandteil der menschlichen Psyche, der am tiefsten sitzt und uns am wenigsten bewußt ist: Es ist der Glaubenssatz schlechthin, das Fundament dessen, was wir „Identität  nennen, der eigentliche Nährboden für das „Trennungssyndrom".
Das vierte Kapitel geht auf das ein, was ich den „essentiellen Wert  nenne: Er ist der Wert aller Werte, der in jedem Menschen verborgen liegt; der Gral, das Beste von allem, was im Innersten eines jeden wacht und schlummert.
Das fünfte Kapitel bietet im Frage-Antwort-Stil eine Vertiefung der im Buch behandelten Themen an. Wie der „Sirenengesang", so wird damit auch die Interviewform am Ende des Buches wieder aufgenommen, als passendes Stilmittel, um Fragen zu beantworten, die viele Leser nach dem systematischen Durchgang durch diese innovative Materie noch haben werden.
Wichtige Schlüsselbegriffe dieses Buches werden im Anhang zusammenfassend erläutert. Bei ihrem erstmaligen Auftreten im Text sind sie mit einem * gekennzeichnet.
* * *

So überraschend der Inhalt mancher Aussagen dieses Buches erscheinen mag, so überraschend mag für deutschsprachige Leser auch der Wechsel der Stilarten oder die mangelnde Eindeutigkeit mancher Aussagen sein. Beides ist beabsichtigt! Mancher mag das so empfinden, als sei das Buch nicht „aus einem Guß", mehr eine Art „Werkstattbericht". Dazu ist zu bemerken:
Die vorliegende deutsche Ausgabe ist die (stark erweiterte und bearbeitete) Übersetzung der französischen Originalausgabe (siehe Literaturverzeichnis). Französische Leser erwarten nicht in erster Linie Stringenz und Genauigkeit. Sie bevorzugen Andeutungen und Denkanstöße, die es ermöglichen, das Gelesene intuitiv und eigenständig zu verstehen. Die vorliegende Fassung möchte den Lesegewohnheiten und Erwartungen deutschsprachiger Leserinnen und Leser gerecht werden; sie ist in diesem Sinne eine Bearbeitung, die allerdings nicht den Grundcharakter des Buches verändert. Wo es die Grenzen unserer gewohnten Erfahrungswelt überschreitet, versagt auch unsere gewohnte Begrifflichkeit ihren Dienst. Hier bleibt mir als Autor nur die Möglichkeit, eine Richtung anzugeben und meinen Leserinnen und Lesern bleibt der Mut zu eigenen Deutungen und Erfahrungen.

Wolfgang Bernard



Sirenengesang

Vorbemerkung

Dieses Buch handelt von sehr persönlichen Fragen, und es ist der Ertrag des ganz individuellen Weges seines Autors. Um auf dieser persönlichen Ebene mit den Leserinnen und Lesern in Kontakt zu kommen, gibt der Autor zunächst Auskunft zu seiner Motivation, zu seinem Werdegang und zu seinen Intentionen.
Der hierfür gewählte Frage-Antwort-Stil greift eine bei der Behandlung existentieller* Fragen (etwa bei Platon) gebräuchliche Tradition auf. Er hat den Vorteil, daß die Themen in einer lebendigen, nichtdogmatischen Form dargestellt werden können. Die nicht immer dem „normalen  Denken angepaßten und somit oft unerwarteten Antworten geben Hinweise auf das Eigentliche, das nicht in Worte Faßbare.

Frage: Wie kamst du dazu, das vorliegende Buch zu schreiben?
Wolfgang Bernard: Die Idee, ein Buch über die Art und Weise zu schreiben, wie ich NLP praktiziere und lehre, kam mir ganz spontan im Jahre 1992. Sie ist das Ergebnis eines persönlichen Entwicklungsprozesses, der 1970 begann.
Seinerzeit studierte ich in Frankfurt und war aktiv an der in den letzten Zügen liegenden Studentenbewegung beteiligt. Wie die meisten jungen Leute damals war ich sehr enttäuscht darüber, daß die Gesellschaft sich in keiner Weise in die angestrebte Richtung eines neuen Humanismus bewegte. Nicht genug damit, daß die kapitalistischen Institutionen nach alter Gewohnheit weiterfunktionierten: Darüber hinaus machten sich auch bei den Protagonisten der Revolte selbst die verbal von ihnen angeprangerten Verhaltensweisen breit, wie zum Beispiel Egoismus, Unredlichkeit, Aggressivität. Der gute Wille, sich in Frage zu stellen, war da, aber die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wurde ständig größer. Als ich mir schließlich dieses Widerspruchs (und des damit verbundenen Leidens) in mir selbst bewußt wurde, war dies ein großer Schock, durch den sich mir zum ersten Mal in meinem Leben existentielle Fragen stellten: „Wer bin ich, und was ist der Sinn meines Lebens?  Mir wurde klar: Solange ich die Antwort auf diese Fragen gefunden nicht hatte, konnte ich für keinen anderen „Sinn  mehr leben.
Diese Fragen brachten mich auf den Weg der Suche nach dem Absoluten. Von da an stand diese Suche im Zentrum meines beruflichen und privaten Lebens. In diesem Buch unternehme ich den Versuch, einige Aspekte meiner Suche und ihre Ergebnisse darzustellen.
Frage: Könntest du näher beschreiben, was du mit „Suche  meinst und wie du sie erlebt hast?
W. B.: Mit 22 Jahren begann ich, mich nach dem Sinn der Existenz zu fragen, eine allgegenwärtige Frage, die mein Tun und Denken durchdrang und die auf ihre Antwort wartete. Also suchte ich nach Menschen und Büchern, die sich damit beschäftigen. Hinweise fand ich hauptsächlich im orientalischen Kulturkreis, aber ich begegnete auch in unserem amerikanisch-europäischen Bereich bemerkenswerten Männern und Frauen.
Ich empfand diese Suche als absolute Notwendigkeit. In dem Moment, als sie in mir Gestalt annahm, wurde mir völlig klar: „Das ist es, was du vor allem anderen zu tun hast!  Alles andere meine berufliche Karriere, Geldverdienen und selbst das Gründen einer Familie hatte für mich nicht wirklich Bedeutung, solange ich auf meine existentielle Frage keine Antwort hatte. Ich erlebte diese Priorität wie eine Verpflichtung: Diesen Weg muß ich bis ans Ende gehen, vor allem anderen, und koste es, was es wolle.
Frage: Wie erklärst du dir, daß nicht alle Menschen sich auf diese Suche machen?
W. B.: Dafür habe ich keine Erklärung. Aber ich möchte durchaus die Annahme anfechten, daß es nicht alle seien. Aus einer gewissen Sicht ist jeder Mensch Teil dieser Suche. Spätestens im Augenblick des Todes ist jeder mit seinen Ursprüngen konfrontiert. Besser ist es wohl, wenn man schon vorher zu ihnen zurückgefunden hat.
Frage: Deine Suche hat dich an die Quellen deiner Existenz, der Existenz überhaupt, geführt. Was beweist mir, daß deine Worte wahr sind?
W. B.: Es gibt keinen Beweis, den die Sinne oder das Denken erfassen könnten. Weder für Außenstehende, noch für uns selbst. Für den, der sich in seinem Ursprung wiedererkennt, ist es eine beweislose Offensichtlichkeit. Dieses Wiedererkennen findet auf einer anderen logischen Ebene* statt als zum Beispiel der Gebrauch komplexer Äquivalenzen (Komplexe Äquivalenzen sind linguistische Strukturen nach demMuster: x beweist y. Beispiel: Du bist fröhlich, also geht es dir gut.), die als Teil unserer ständig ablaufenden Denkvorgänge im Meta-Modell* des NLP beschrieben sind. Auf der logischen Ebene der Urwahrnehmung, die ich „vorsinnliche Wahrnehmung"* nenne, kann es keine solchen Beweise geben; hier befinden wir uns im Bereich der unbeweisbaren Phänomene.
Frage: Wenn ich dich richtig verstehe, ist menschliche Erfüllung deiner Auffassung nach außerhalb des Rahmens zu finden, den uns Psychologie, Philosophie oder Religion normalerweise dafür anbieten?
W. B.: Ja. Spirituelle Lehren (mit Ausnahme des Zen) beinhalten auch eine gewisse psychologische Vision, behandeln in irgendeiner Weise das innere und das äußere Leben. Sie geben Antworten auf das menschliche Grundbedürfnis nach dem Verstehen der Komplexität des Lebens, der Existenz. Es gibt unzählige Modelle, die den Sinn des Lebens erklären und uns „Anleitungen zum Glücklichsein  geben. Wir finden sie in der Psychologie, in der Philosophie und in den Religionen. Heutzutage ist es wahrscheinlich notwendig, sich damit zu befassen, um sich weiterzuentwickeln. Dieses Bedürfnis, das Leben als solches zu verstehen, stellt sich schon in der frühen Kindheit ein mit Fragen wie: „Wer hat die Welt erschaffen? Was ist Unendlichkeit?  Dies sind typische Fragen, auf die Eltern antworten müssen. Das Problem besteht darin, daß sich kein einziges Modell wirklich eignet, diese Fragen zu beantworten, oder, anders ausgedrückt: Jede verbale Antwort auf solche Fragen klingt zwangsläufig falsch. Daraufhin legen die meisten Kinder diese Art Fragen erst einmal beiseite. Manche holen sie später wieder hervor und machen sich auf, eine Antwort zu finden.
Zum Glück gibt es eine Antwort, aber sie ist weder mental-verbal, noch ist sie in den Bereichen von Philosophie, Psychologie oder Religion zu finden. Folgendes Modell veranschaulicht vielleicht, was ich sagen möchte: Nehmen wir einmal an, daß alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, nur ein Bruchteil dessen ist, was existiert, sagen wir 1 Prozent. Die restlichen 99 Prozent liegen gänzlich außerhalb unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten. Das eine Prozent ist ausreichend für unser tägliches Leben. Darin sind enthalten: das Verstehen von Worten, von psychologischen und philosophischen Ideen, von sogenannten Naturgesetzen, von Gesellschaftsregeln und was es sonst noch alles zu verstehen gibt. Die übrigbleibenden 99 Prozent sind unbenennbar, wir wissen also nichts über sie. Was sollen wir also tun, um etwas über sie zu erfahren, um die 99 Prozent wahrzunehmen, die sich außerhalb unserer sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten befinden? Und hierbei verbiete ich mir jegliche verbale Antwort.
Frage: Ich verstehe nicht ...
W. B.: Nimm das „Ich  weg! Was übrigbleibt, lautet: „verstehe nicht"; das beinhaltet auch: „sehe nicht, höre nicht, fühle nicht, schmecke nicht, rieche nicht.  Wollen wir noch weiter gehen, können wir sagen: keine Gedanken, keine Modelle, keine Überzeugungen, ... kein „Ich  ... Und damit sind wir bei dem entscheidenden Hindernis angelangt, das uns an der Wahrnehmung der 99 Prozent hindert, die die Antworten auf existentielle Fragen geben: Das Hindernis ist unsere Identität*, unser Ich. Dieses Ich nimmt nur das eine Prozent wahr, welches in Worte faßbar und kategorisierbar ist eine vergleichbar kleine Welt, in der es manchmal vor Trauer sterben und manchmal vor Freude hüpfen möchte. Dieses Ich hat rein funktionellen Charakter, es ermöglicht uns, all das zu lernen und zu wissen, was wir zur Bewältigung unserer täglichen Aufgaben brauchen. Von seinem Entwicklungsgrad hängt auch unser Erfolg als soziale Wesen ab. Gleichwohl macht es nur ein kleines Prozent der Gesamtheit der persönlichen Existenz aus.
Um gleich Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht keinesfalls darum, das Ich abzuschaffen. Das wäre unmöglich. Es geht auch nicht darum, seine Kompetenzen und Fähigkeiten in Frage zu stellen. Es geht vielmehr darum, den Bereich der 99 Prozent, des Unbekannten und des Unerkennbaren wiederzuentdecken, ohne jedoch dabei die Fähigkeiten des 1-Prozent-Ich einzuschränken. Das Ich behält seine funktionellen Aufgaben, es ist ein wertvolles Werkzeug für die sozialen Verpflichtungen im täglichen Leben. Es wird zum Beispiel immer dann aktiviert, wenn wir eine Information suchen, etwas Neues lernen, wenn wir für die Zukunft planen, wenn wir uns mit jemandem unterhalten, überlegen, nach welchen Kriterien zu entscheiden ist etc. Es ist jedoch weder das Zentrum noch der Chef. Es ist das ausführende Organ. Die vorsinnliche Wahrnehmung erwächst aus den 99 Prozent, die all das umfassen, was nicht verstehbar, nicht greifbar, nicht erklärbar und nicht nennbar ist. Die Daseinsberechtigung des 1-Prozent-Ich besteht in seiner ausführenden Funktion, es vervollständigt so das Ganze.
Frage: Was bringt mir das?
W. B.: Zunächst einmal gar nichts. Fragen nach der Nützlichkeit liegen auf der logischen Ebene des einen Prozents. Eine der Voraussetzungen dafür, der 99 Prozent gewahr zu werden, ist es, vom Denken in Nützlichkeitskategorien Abstand zu nehmen.
Frage: Wenn es also nichts bringt, was kann einen dann dazu motivieren, es erfahren zu wollen?
W. B.: Es bringt nichts für das Ich, welches aufgrund seiner inneren Natur ganz legitimerweise den Regeln von Aufwand und Nutzen folgt. Um auf die Frage zu antworten, werde ich eine Metapher gebrauchen, aber ich tue dies mit der größten Vorsicht.
Die Motivation, die 99 Prozent zu erfahren, kann nicht vom Ich kommen. Aber man kann davon ausgehen, daß es noch eine andere Art der Motivation gibt, die sich irgendwo im Bereich der 99 Prozent befindet. Sie enthüllt sich mit viel größerer Diskretion, als die Motivationen des Ich es tun. Man kann sie manchmal wahrnehmen, sie klingt wie Sirenengesang, ganz sanft, ganz verführerisch, fast unhörbar: „Komm, ... komm nach Hause ...  Sonst nichts. Doch das ist schon genug, damit sich das Ich zutiefst bedroht fühlt, und dies ganz ohne Grund. Kommt es eines Tages dazu, daß das Ich den Gesang der Sirenen vernimmt, und sei es nur für einen Augenblick, dann erkennt es im selben Moment, wie relativ und peripher seine Existenz ist, und daß der Tag kommen wird, an dem es nicht mehr im Mittelpunkt stehen wird. Das Ich muß allerdings einen gewissen Reifegrad erreicht haben, um sich vom Sirenengesang durchdringen zu lassen.
[Zu „Sirenengesang": vgl. das Abenteuer des Odysseus mit den Sirenen, siehe Anhang]
Frage: Woran erkennt man ein reifes Ich?
W. B.: Wie ich schon sagte: Daran, daß ihm der Gesang der Sirenen hörbar wird. Oft passiert dies in Momenten, in denen der Heranwachsende oder der Erwachsene anfängt, sich essentielle Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Grund der Existenz zu stellen. Wir sind alle „ich-los  ohne die trennende Identität geboren, und wir standen alle vor der Notwendigkeit, ein Ich zu erschaffen.
Eine der Eigenschaften eines reifen Ich ist, daß es die Verantwortung für sein Dasein übernimmt. Dazu gehört, daß es begriffen hat, daß wir nicht als Folge „fördernder  oder „ungünstiger  Umstände dahin gekommen sind, wo wir uns befinden. Dadurch ist es dann auch in der Lage, den Sirenengesang von den falschen Rufen zu unterscheiden: Sirenen kann ich nur hören, wenn ich zu meiner Einsamkeit stehe. Die Lockrufe, die oft von Gurus auf der Suche nach Anhängern ausgesandt werden, finden bei Leuten Gehör, die glauben, ein spirituelles Leben zu führen hieße, sein eigenes Ich durch das Ich eines anderen zu ersetzen, in der Annahme, daß letzteres stärker und weiser sei. Dann gibt es auch noch diejenigen, die an eine Art göttlicher Energie glauben, die sie eines Tages erlösen werde: Seine Verantwortung in der Gesellschaft nicht zu übernehmen kann einen ins Gefängnis bringen; seine Verantwortung für sich selbst nicht zu übernehmen führt dazu, daß man glaubt, die Befreiung komme von außen.
Eine weitere Eigenschaft des gereiften Ichs ist die Abwesenheit von Schuldgefühl. Wer sich entschließt, sich von diesem nagend-schmerzhaften Gefühl einnehmen zu lassen, entscheidet sich gleichzeitig dafür, die Verantwortung abzugeben für das, was er getan hat, oder aber dafür, daß er erlaubt hat, daß man es mit ihm macht. Ein gereiftes Ich ist in der Lage, für alles, was passiert, zu stehen, selbst wenn dies mit einem psychischen Leiden einhergehen sollte. Es ist in der Lage, Reue zu empfinden, Reue ohne Schuldgefühl.
Frage: Es ist also besser, an sich selbst zu glauben, als an jemand anders?
W. B.: Besser noch ist es, ohne Glaubenssysteme* auszukommen. Es sei denn, man befindet sich in einer Situation des täglichen Lebens, in der man eine Überzeugung erfindet, um keine Unannehmlichkeiten zu haben, oder um zu vermeiden, jemandem anders wehzutun. Je mehr ich an etwas glaube, desto stärker wird der Glaube an die Idee, daß das eine Prozent alles sei, was es gibt, und desto weniger bin ich in der Lage, den Sirenengesang wahrzunehmen.
Was ich gerade gesagt habe, kann natürlich nicht einem Kind vor dem Pubertätsalter vermittelt werden. Für ein Kind ist es vor allem notwendig, seine Identität zur Reife zu bringen, das heißt, es sollte lernen, eigene Meinungen und Beurteilungen zu bilden; Überzeugungen sind unabdingbare Nahrung für sein Ich.
Frage: Welche Rolle hat NLP bei deiner Suche gespielt?
W. B.: Ich möchte zunächst einmal mein Verständnis des NLP klarstellen. NLP ermöglicht es, sich besser kennenzulernen; das Funktionieren der einzelnen Elemente des Bewußtseins kann sehr klar herausgearbeitet werden. Dadurch wird man auf ganz natürliche Art und Weise im gesellschaftlichen Leben erfolgreicher. Bei richtiger Handhabung kann NLP dazu beitragen, daß das Ich schneller zur Reife gelangt. Dazu möchte ich einige Beispiele anführen:
1. NLP arbeitet mit nützlichen Vorannahmen, zum Beispiel mit der folgenden: Die Welt, die wir wahrnehmen, entspricht nicht der objektiven Wirklichkeit. Oder, wie es Korzybski in seinem Hauptwerk Science and Sanity ausdrückt: Die Landkarte ist nicht das Gebiet, das sie skizziert. Mit unserem Nervensystem „lesen  wir sowohl die Ereignisse unseres Lebens als auch die Menschen, denen wir begegnen. NLP lehrt uns, wie wir diese Lektüre so verfeinern können, daß möglichst wenig Lesefehler entstehen. Fehlerarmes „Lesen  von Ereignissen und Mitmenschen läßt uns unter anderem erkennen, daß jedes Individuum mit einem ihm eigenen, einzigartigen Weltbild ausgestattet ist; daß jeder nach eigenen Kriterien und Glaubenssystemen denkt und handelt und daß jeder seine eigenen Strategien entwickelt, die es ihm ermöglichen, seine Aufgaben im Leben zu meistern (oder auch nicht). Als menschliche Wesen gehen wir immer nach unserer eigenen inneren Landkarte vor, die per Definition nicht das Gebiet ist, auf dem wir operieren. Die Art und Weise der Entstehung der verschiedenen Landkarten hängt von genetischen Faktoren und von Lernprozessen ab. Halten wir fest, daß jeder seine Umwelt mit einer anderen Karte angeht. Will ich also jemanden verstehen, so studiere ich am besten gewissenhaft seine Karte, statt von der falschen Idee auszugehen, daß seine Karte der meinen gleicht. Ein gereiftes Ich trägt dieser Erkenntnis Rechnung.
2. Im NLP gibt es eine Übung, die uns unseren eigentlichen Lebenssinn enthüllen kann. Sie wurde ursprünglich (unter dem Namen „Kriterienbaum") von Gene Early, einem frühen NLP-Trainer, entwickelt, ist aber bisher kaum bekannt geworden. Im Zusammenhang mit der Entwicklung des Ur-Credo-Prozesses durch den sie einen gänzlich neuen Charakter bekam habe ich sie modifiziert und umbenannt in „Der essentielle Wert".* Es handelt sich um das Ausgraben (oder Aufdecken) des kostbarsten Schatzes, des Wesenskerns, der in jedem schlummert und dessen man sich normalerweise gar nicht bewußt ist. Ihn an die Oberfläche zu befördern hilft dem Ich, zur Reife zu gelangen. Wer diese Übung bis zu Ende durchführt, fühlt sich zutiefst verstanden und bereichert, ohne daß es für das Verstandenwerden einer anderen Person bedürfte. (Siehe Kapitel IV)
3. Nehmen wir als letztes Beispiel die Glaubenssysteme oder Überzeugungen. Sie haben für die Identität eine vergleichbare Bedeutung wie der Baumstamm für einen Baum. So, wie man im NLP daran arbeitet, wird klar, daß keine einzige unserer Meinungen, Überzeugungen oder Beurteilungen aus uns selbst heraus entstanden ist. Das bedeutet, daß sämtliche Glaubenssysteme von außen an uns herangetragen wurden und veränderbar sind. Als mir dies deutlich wurde, tauchte folgende Kernfrage in mir auf: „Wer bin ich, wenn meine tiefsten Überzeugungen mich nicht definieren können?  Durch die Begegnungen mit Yvan Amar entstand dann nach und nach eine immer größere Klarheit in mir, die auf ganz natürliche Weise mein intellektuelles Verstehen in den Hintergrund drängte: Ich bin nicht meine Überzeugungen; ich bin nicht die Begriffe, die ich im Austausch benutze; ich bin nicht die Worte, die mein Hirn mit Hilfe des inneren Dialogs produziert.
Frage: Du bist zu der Einsicht gelangt, daß du nicht das bist, was du zu sein glaubtest?
W. B.: Ja, aber das war nicht so einfach, wie es klingt. Mein Nervensystem hat mir ganz schön mitgespielt. Das Ich läßt nicht so einfach los. Aber nachdem mir klar geworden war, daß „ich  mich nicht mehr durch Begriffe oder Überzeugungen definieren kann, hatte ich das Glück, auf einen Mechanismus in mir zu stoßen, der die Identifizierung mit dem Ich ständig aufrechterhielt. Ich habe ihn dann später „Ur-Credo"* getauft.
Auf das Ur-Credo in sich zu stoßen heißt auch, das Leiden der Trennung zu erfahren: „Ich habe mich getrennt vom anderen und vom Leben.  Das Ur-Credo zu überwinden heißt meiner Erfahrung nach gleichzeitig, alle sogenannten psychischen Leiden zu überwinden. Wenn man das Ur-Credo in sich in Frage stellt, wird das Verhaftetsein an das Ich nach und nach aufgelöst; das Ich wird immer mehr in die Enge getrieben, bis es seine Vormachtstellung aufgibt.
Frage: Wie wirken sich deine Erkenntnisse über die existentiellen Grundfragen in deiner Arbeit aus?
W. B.: Meine Motivationen haben sich grundlegend geändert. Vorher drehte sich alles um mein materielles und vor allem um mein psychisches Wohlergehen. Ersteres spielt nur noch eine untergeordnete, rein funktionelle, letzteres überhaupt keine Rolle mehr in meinem Leben. Solange es Nachfrage, das heißt motivierte Teilnehmer gibt, werde ich mit Hilfe von Seminaren versuchen, ihnen einen Einblick in die Dimension der vorsinnlichen Wahrnehmung zu vermitteln. Dazu habe ich den Ur-Credo-Prozeß entwickelt, der die Grundfesten der Identität, das Ur-Credo, zumindest einmal kurzfristig aus den Angeln heben kann. Es würde für mich allerdings keinen Unterschied machen, wenn ich meinen Lebensunterhalt anderweitig bestreiten müßte.
Frage: Und was machst du heute sonst noch?
W. B.: Was ich im NLP mag, liebe ich auch im Leben: in spielerischer Weise den Dingen auf den Grund gehen, sie auseinanderpflücken, Neues entdecken, analysieren und synthetisieren, Hypothesen erstellen und Teil der Suche nach dem Grund der Dinge sein, der mit seinen eigenen Ursprüngen spielt; und dies, indem ich mir die absolute Freiheit gestatte, immer noch neugieriger zu werden, wobei ich mich gleichzeitig vom Gesang der Sirenen wiegen lasse.



Schlüsselbegriffe dieses Buches

Äußeres Gedächtnis:
Der Zusammenbruch der trennenden Identität setzt unser gewöhnliches Erinnerungsvermögen außer Kraft. Das äußere Gedächtnis, das nach diesem Ereignis das innere Gedächtnis größtenteils ersetzt, ist eine von persönlicher Motivation abgekoppelte mentale Funktion, die es uns ermöglicht, uns bewußt als Teil aller Kontexte, in die wir tagtäglich eingebettet sind, zu erleben. Es ist dann der essentielle Wert (und nicht mehr das Wohlergehen der Identität), der bestimmt, welche und wieviele Informationen wo und wie im Nervensystem gespeichert und abgerufen werden. (Siehe auch unter „Inneres Gedächtnis  und „Persönliche Motivation")
Eigennutz:
Das Bestreben der Identität, sich zu verteidigen und „seine Schäfchen (möglichst viele!) ins Trockene zu bringen", um so sein Überleben sicherzustellen (ähnlich dem Verhalten von Tieren); dies geschieht oft mit Hilfe gut versteckter Manipulationen. Eigennutz bei anderen ist uns offensichtlich, bei uns selbst müssen wir danach suchen. Was ich beim anderen nicht mag, ist im allgemeinen dessen Eigennutz. Aber sobald ich ihm und sei es in Gedanken deswegen einen Vorwurf mache, bin ich mit meinem eigenen Eigennutz konfrontiert. Beispiele: Die Haltung des Judas gegenüber Jesus wird im allgemeinen als Eigennutz interpretiert. Auch die „Hungergeister  im tibetischen Buddhismus verkörpern Eigennutz. Bei Menschen, die sich als Christen verstehen, versteckt sich Eigennutz oft hinter der sogenannten Barmherzigkeit. Eigennutz ist es auch, wenn wir uns an den Eigennutz eines anderen anhängen.

Essentieller Wert:
Dieser Ausdruck weist auf die jedem von uns innewohnende Einzigartigkeit des persönlichen Seins sowie all seiner Ausdrucksformen hin. Ihn zu entdecken heißt, ein verborgenes, geheimes Heiligtum in sich zu berühren. Er ist nicht zu verwechseln mit Begriffen wie Moral, Ethik, Tugend, deren Bedeutung je nach Kultur variiert.

Existentiell:
Dieses Adjektiv bezieht sich auf jene Dimension des Menschseins, die sich jenseits von intellektuellem und gefühlsmäßigem Verstehen befindet. Sie umfaßt all das, was der menschliche Geist nicht repräsentieren kann: das Unnennbare, die Nicht-Identität, die alle Phänomene verbindende Struktur; all das, was der Mensch ist. (Siehe auch unter „Logische Ebenen")

Funktionell:
Dieses Adjektiv bezieht sich auf alle inneren und äußeren Aktivitäten des Menschen: seine inneren Zustände, seine Art und Weise, im Leben zu agieren; seine Strategien, sich zu motivieren, zu lernen und zu verstehen; seine Auswahlkriterien; seine Überzeugungen; all das, was der Mensch tut. (Siehe auch unter „Logische Ebenen")
Generalisierung:
Sie ist neben Tilgung und Verzerrung eine der drei elementaren mentalen Vorgehensweisen, die sozusagen aus der vorsinnlichen Wahrnehmung geboren werden und die Ursprung unserer Fähigkeit zur Repräsentation (zum Beispiel Zeit und Sprache) sind. Sie entstehen in ihren Grundzügen bereits in der frühen Kindheit, noch vor dem Erlernen der Sprache. So wie die Begegnung des Spermatozoïden mit dem Ei die ersten beiden Zellen unseres Körpers hervorbringt, so sind Generalisierung, Tilgung und Verzerrung die drei neurologischen Prinzipien, mit deren Hilfe unser Nervensystem die Fähigkeit des Repräsentierens erlernt. Diese Grundstruktur wird in den darauffolgenden Jahren immer komplexer und führt nach und nach zum Aufbau der Identität.

Gewissen:
Im Wort selbst steckt „Wissen". Es kann sich meines Erachtens nur um das Wissen um die inneren Zusammenhänge zwischen allen existierenden Phänomenen handeln. Das Gewissen steht in direktem Kontakt mit der vorsinnlichen Wahrnehmung, es manifestiert sich in uns durch Ehrlichkeit uns selbst gegenüber, durch Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit. Eine seiner Haupteigenschaften ist, daß es uns die absolute Entscheidungsfreiheit läßt: Wir geraten immer wieder in neue Situationen, in denen wir immer neu entscheiden müssen (und können), ob wir unserem Gewissen oder dem Eigennutz folgen.

Glaubenssysteme:
Sie sind konstituierende Elemente unseres Ich- oder Identitätsbewußtseins. Identität lebt davon, Überzeugungen, Meinungen und Ansichten über jemanden oder über etwas zu haben, Personen und Ereignisse zu beurteilen oder an etwas oder jemanden zu glauben. Die (meist unbewußten) Überzeugungen bestimmen über Erfolg oder Mißerfolg unserer Unternehmungen. Da Grundüberzeugungen unser Ichbewußtsein und damit den Sinn, den wir unserem Leben geben, aufrechterhalten, sind wir im allgemeinen nicht gewillt, sie in Frage zu stellen. Gesellschaftlich anerkannte, durch wissenschaftliche Erkenntnisse anscheinend „gesicherte  Postulate sind auch Glaubenssysteme. Sie kranken jedoch meist an dem Irrtum, daß die beobachteten Phänomene für die Wirklichkeit gehalten werden ohne in Betracht zu ziehen, daß eine Veränderung im Prozeß des Beobachtens die zunächst gezogenen Schlußfolgerungen zunichte machen kann. (Wir glauben seit ein paar hundert Jahren, daß die Erde sich um die Sonne dreht. Aber wer garantiert uns, daß nicht eines Tages eine andere Betrachtungsweise des Universums eine wiederum modifizierte Sichtweise und damit auch wieder ein neues Glaubenssystem hervorbringt?)

Identität:
Siehe unter „Trennende Identität".

Inneres Gedächtnis:
Der Ausdruck bezeichnet das, was allgemein Gedächtnis genannt wird, also die Art und Weise, wie sich die Identität des Nervensystems bedient, um Informationen zu speichern und wieder abzurufen. Es sind die spezifischen Bedürfnisse, Ansprüche und Kriterien der Identität, die die Qualität, die Quantität sowie die Modalitäten der zu speichernden oder abzurufenden Informationen bestimmen. (Siehe auch unter „Äußeres Gedächtnis")

Logische Ebenen:
Hier geht es darum, ein Phänomen (zum Beispiel: die Landkarte) zu unterscheiden von der Kategorie oder der Klasse, der dieses Phänomen zugeordnet ist (zum Beispiel: das Gebiet). Anders gesagt: Die Karte ist allgemeiner, abstrakter als das Gebiet, sie ist ein Modell des Gebietes und gehört demnach einer anderen logischen Ebene an. Ein weiteres für dieses Buch bedeutsames Beispiel ist die Unterscheidung zwischen der logischen Ebene des „Existentiellen  und derjenigen des „Funktionellen". (Siehe auch unter diesen beiden Stichwörtern) Wenn wir an einer persönlichen Weiterentwicklung interessiert sind, sollten wir lernen, diese Unterscheidung zu treffen; vor allem, um einen weitverbreiteten Irrtum zu vermeiden: die Verwechslung zwischen der Beschreibung eines Phänomens einerseits und dessen persönlicher Interpretation andererseits. Wenn wir denken und uns anderen mitteilen, ohne die logischen Ebenen zu verwechseln, wird uns bewußt, auf welche Weise unser Geist die Verbindungen zwischen uns und dem anderen oder unserer Umwelt repräsentiert.

Meta-Modell der Sprache:
Ein von den NLP-Begründern John Grinder und Richard Bandler entwickeltes Modell, das die der Sprache zugrunde liegenden Strukturen erforscht. (Siehe auch „Generalisierung") Eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Meta-Modell kann zu jenem Verstehen führen, das in folgendem Satz von Alfred Korzybski, einem der Vorläufer des NLP, ausgedrückt wird: „Die Worte sind nicht das, worüber wir sprechen."

Natürliche Motivation:
Natürliche Motivation entsteht aus der vorsinnlichen Wahrnehmung. Sie ist lebbar, aber nicht repräsentierbar, und manifestiert sich immer im Hier und Jetzt einer ganz besonderen Art von mehrdimensionaler Aufmerksamkeit, wie sie im normalen Leben nur in intellektuellen, körperlichen oder gefühlsmäßigen Extremsituationen vorkommt. Nachdem das Ur-Credo aufgehört hat zu wirken, ersetzt natürliche Motivation die persönliche, von Eigennutz geprägte Motivation der Identität. Die aus ihr erwachsenen Handlungen haben ihren Ausgangspunkt im essentiellen Wert und sind in der Regel da sich jetzt die volle Schöpferkraft ausdrücken kann von innovativen Kreativitätsschüben begleitet. Manche dieser inspirierten Werke beeinflussen die kulturelle Entwicklung über den Tod der Erschaffer hinaus. Bekannte Beispiele hierfür aus dem westlichen Kulturkreis sind die Erbauer der gotischen Kathedralen oder L. da Vinci, W. A. Mozart und R. M. Rilke.

Ökologiecheck:
Er besteht darin, sich vorab eventueller unerwünschter Nebenwirkungen bewußt zu werden, die durch Verhaltens- und Einstellungsänderungen bei sich selbst oder im eigenen Umfeld auftreten könnten. Die angestrebten Veränderungen werden dann gegebenenfalls modifiziert, bis keine negativen Konsequenzen mehr zu erwarten sind. Diese Vorgehensweise ist ein wichtiger Bestandteil jeder NLP-Ausbildung.

Persönliche Motivation:
Persönliche Motivation entsteht, wenn ein wichtiges Kriterium, das ganz oben in der Hierarchie der Kriterien steht, die Identität dazu anstachelt, ein Ziel ernsthaft zu verfolgen.

Soziale Strategien:
Während der Kindheit sich entwickelnde Strategien, die es uns möglich machen, Beziehungen zur Umwelt aufzubauen. Hierzu gehören Sprache, Umgangsformen, Verhaltensweisen und -regeln, die Art und Weise, wie wir persönliche Ziele erreichen und die persönlichen Ziele anderer in Betracht ziehen usw.

Tilgung:
Siehe unter „Generalisierung".

Trennende Identität:
In der frühen Kindheit erschaffenes mentales Konstrukt, das bewirkt, daß sich der Mensch als vom anderen und von der Umwelt getrennt erlebt. Sie öffnet dem Kind den Zugang zur Fähigkeit der Repräsentation und zu all dem, was für ein Leben in der Gemeinschaft notwendig ist. Für den Erwachsenen hingegen wird sie das Haupthindernis, wenn er sich seiner Ursprünge erinnern will und seine Erfüllung anstrebt.

Verzerrung:
Siehe unter „Generalisierung".

Ur-Credo:
Das Ur-Credo ist der Grundbaustein unseres (immer auf wackligen Fundamenten gebauten) Ichbewußtseins. Es entwickelt sich in der frühen Kindheit. Aus ihm erwächst das, was wir im allgemeinen als „Psyche  bezeichnen. Sein Vorhandensein ist Voraussetzung für die Fähigkeit zur Repräsentation (zum Beispiel Worte und Zahlen, Zeit und Raum, Kriterien und Überzeugungen, Gedächtnis) sowie für all das, was „soziale Strategien  genannt wird. Im Erwachsenenalter, wenn das Ichbewußtsein seinen Reifezustand erlangt hat, wird das Ur-Credo zum Haupthindernis für eine mögliche weitere, über die trennende Identität hinausgehende Entwicklung.

Vorsinnliche Wahrnehmung:
Es handelt sich um die Wahrnehmung unseres Ursprungs und all dessen, was in jedem Augenblick aus ihm erwächst. „Vorsinnliche Wahrnehmung  ist ein Ausdruck für das Unausdrückbare: die Dimension der ungefilterten Wahrnehmung, die alle Phänomene, wahrgenommene und nicht wahrgenommene, existierende und nicht existierende, vereint. Wir sind mit ihr geboren und mußten sie vergessen, um unser Ichbewußtsein, unsere Identität entwickeln zu können. Durch gezielte Vorgehensweisen können wir den Boden dafür bereiten, diese in Vergessenheit geratene, alles miteinander versöhnende Wahrnehmung in uns wiederzuentdecken.

 

Mein Freund und Bruder Stephen

 

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