Das Ur-Credo

Interview mit Wolfgang Bernard über das Ur-Credo



(Die farbigen Worte verweisen auf die Web-Seite " Schlüsselbegriffe ".)

Serge:
Kann man, was den Lebenssinn angeht, Antworten bekommen, wenn man eine NLP-Ausbildung unter der Perspektive der vorsinnlichen Wahrnehmung macht?

Wolfgang:

Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Streben nach Glücklichsein und der Suche nach Sinn. Die meisten Menschen, die sich existentielle Fragen stellen, tun dies, weil sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen. NLP bietet eine Menge praktisch-therapeutischer Möglichkeiten an, die Ordnung ins persönliche Leben bringen und geht noch darüber hinaus, indem es dem einzelnen eine hohe psychologische Lebensqualität ermöglicht. Was mich anbetrifft, so hatte ich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr ein großes Verlangen danach, in die Mysterien des Lebens und des Todes einzudringen. NLP hatte mich dieser Suche ein großes Stück näher gebracht, weil es dazu beigetragen hatte, Ordnung in mein psychisches leben zu bringen, was es mir in der Folge ermöglichte, die Strukturen zu erforschen, die mir die Wahrnehmung der Seinsgeheimnisse unmöglich machten. Die Art und Weise, wie ich heute NLP lehre, trägt meinem eigenen Erleben Rechnung. Deshalb biete ich Ausbildungen an, in denen die Teilnehmer die Mechanismen erforschen können, die die alles vereinende Wahrnehmung verhindern, die ich "vorsinnliche Wahrnehmung  nenne.
Was deine Frage angeht, so bin ich zunächst einmal versucht zu sagen, daß es nicht mehrere Antworten auf die Frage nach dem Lebenssinn gibt. Es gibt nur eine, die auch als "Aufwachen  bezeichnet wird. Wir können nichts dafür tun, daß es passiert, aber eine NLP-Ausbildung in der Perspektive der vorsinnlichen Wahrnehmung kann dazu beitragen, daß wir uns der Strukturen bewußt werden, die den Kern unserer Identität ausmachen und die ich zusammenfassend "Ur-Credo  getauft habe. Es ist die Basis allen emotionalen und mentalen Erlebens. Solange es in uns wirkt, ist es uns unmöglich, die lebendige Antwort auf deine Frage zu sein.

Serge:

Wie ist es dazu gekommen, daß du dein Ur-Credo entdeckt hast?

Wolfgang:

Sich auf die Suche nach verschütteten Glaubenssystemen zu begeben ist Teil jeder NLP-Ausbildung. Wir finden dabei heraus, daß unser Leben von einer Vielzahl unbewußter Überzeugungen quasi ferngesteuert wird. Als ich die meisten von ihnen ausgegraben hatte, bin ich mir nach und nach bewußt geworden, daß sich hinter all diesen versteckten Glaubenssystemen noch ein weiteres Glaubenssystem ganz anderer Qualität befindet, welches dazu da ist, das, was wir unsere Identität nennen, aufrecht zu erhalten: das Ur-Credo. Es war eine regelrechte Detektivarbeit, wobei zu bemerken ist, daß das Ur-Credo alles daran setzt, unentdeckt zu bleiben. NLP-Methoden waren mir bei diesem Unterfangen von besonderer Hilfe.

Serge:

Ist dies für jedermann zugänglich?

Wolfgang:

Im Prinzip ja. Nur sollte man wissen, daß das Ausgraben des Ur-Credos ein Unterfangen ist, das man mit einer Expediton in völliges Neuland vergleichen kann. Es erfordert eine noch bessere Vorbereitung, einen noch größeren Einsatz, noch mehr Vorsicht und noch mehr zielgerichtetes Vorgehen als Expeditionen. Das Ziel ist unsere ureigenste innere Natur.

Serge:

Kannst du bitte ein wenig ins Detail gehen, was die mentalen Vorbereitungen angeht, die notwendig sind, das Ur-Credo ans Tageslicht zu befördern?

Wolfgang:

Sich auf den Weg zu seinem Ur-Credo zu machen erfordert eine gewissenhafte mentale Vorbereitung, da wir den Sinn in Frage stellen, den wir bis dahin unserem Leben gegeben haben. Eine NLP-Ausbildung kommt diesen Anforderungen fast in allen Punkten nach, außer einer, der wichtigsten: die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Wenn wir die Fundamente unserer Identität offenlegen, erlauben wir uns gleichzeitig, uns einem unbeschreiblichen Schmerz auszuliefern. Die Intensität dieses Schmerzes geht über alle körperlichen und seelischen Schmerzen hinaus, die wir je in unserem Leben erfahren haben. Es kann sein, daß wir an einen Punkt kommen, an dem wir zugeben müssen, daß wir unserer ganzes Leben dahingehend eingerichtet haben, diesen alles durchtrennenden Schmerz nie mehr wieder zu fühlen; diesen Schmerz, den wir schon einmal in unserer Kindheit erlitten haben, und der es uns erst ermöglicht hat, uns eine (trennende) Identität zu schaffen. Nur eine immense Ehrlichkeit uns selbst gegenüber erlaubt es uns, immer weiter in den Abgrund einzudringen, der sich während dieses Unterfangens vor uns auftut. Folgende aus dem NLP-Repertoire stammenden Techniken zur mentalen Kontrolle haben sich als besonders hilfreich erwiesen:
- "So tun als ob'": eine Art mentale Gymnastik, die es ermöglicht, einen Gedankenablauf oder einen inneren Zustand augenblicklich zu unterbrechen und durch einen anderen zu ersetzen;
- 'sich assoziieren' und 'sich dissoziieren': mentale Vorgehensweisen, die uns die Wahl erlauben, entweder im Geschehen zu sein (assoziiert), oder die Rolle eines Beobachters einzunehmen (dissoziiert);
- sich jederzeit augenblicklich mit angenehmen inneren Zuständen assoziieren und von unangenehmen inneren Zuständen dissoziieren können;
- innere Zustände (angenehme und unangenehme) voneinander abschotten, um willentlich vom einen zum anderen überwechseln zu können;
- innere Vorgänge handhaben, ohne sich Schaden zuzufügen, das heißt: mit der eigenen Psyche ökologisch umgehen;
- in der Lage sein, mit den verschiedensten Unannehmlichkeiten und mit heftigen Widerständen in sich selbst umzugehen, was insbesondere bei der Konfrontation mit negativen unbewußten Überzeugungen eine Rolle spielt. Dabei ist es besonders wichtig, jederzeit einen wenn nicht angenehmen, so doch neutralen inneren Zustand herstellen zu können;
- in der Lage sein, den schrittweise ablaufenden Prozeß des In-Frage-Stellens seiner selbst autonom zu handhaben und eigenverantwortlich zu handeln. Die Gruppenmitglieder, die am Ausgraben ihres jeweiligen Ur-Credos gemeinsam arbeiten, helfen und begleiten sich gegenseitig, aber jeder einzelne bestimmt für sich selbst, wie weit er dabei gehen will;
- seinen essentiellen Wert erkennen.
Auf dem "Markt" der Persönlichkeits- und der spirituellen Entwicklung kann man heutzutage viele "Macht-mich-glücklich"-Techniken finden. NLP unterscheidet sich von den meisten in diesem Punkt: wer die NLP-Techniken meistern lernt, bekommt nicht nur das Handwerkszeug, um ein erfülltes Leben zu führen, sein geistiges und psychisches Gleichgewicht zu finden und seine Ziele zu erreichen. Er erlernt gleichzeitig viele der mentalen Vorgehensweisen, die er unbedingt für eine Konfrontation mit den tiefsten Tiefen seiner Persönlichkeit, das heißt mit dem Ur-Credo, braucht.

Serge:

Was passiert anschließend, wenn jemand sein Ur-Credo entdeckt hat?

Wolfgang:

Es aufgespürt zu haben ist ein guter Anfang. Danach gilt es, im täglichen Leben ganz besonders wachsam in bezug auf all seine Erscheinungsformen zu sein. Solange wir nicht dauerhaft in der vorsinnlichen Wahrnehmung leben, wirkt das Ur-Credo ständig unter der Oberfläche weiter. Wenn wir handeln oder denken, so tun wir das immer mit der Idee im Hintergrund, daß wir mit einer Identität ausgestattet sind, deren Wahrnehmung sich dadurch auszeichnet, daß sie alles in Du-Ich- oder in Ich-Umwelt-Kategorien einordnet. Das Ur-Credo ist wie ein Filter, der sich zwischen die vorsinnliche und die sinnliche Wahrnehmung schiebt. Gehen wir einmal davon aus, daß die sinnliche Wahrnehmung, die ja immer einen Unterschied macht zwischen dem Wahrnehmer und dem Wahrgenommenen, nicht die einzig mögliche ist. Wenn ich mich also aufmache, eine Wahrnehmungsweise zu finden, die diese Trennung nicht mehr in sich trägt, muß ich zunächst einmal erforschen, wie ich diese Trennung in mir schaffe. Dazu ist es notwendig, daß ich mich so oft wie möglich unter die Lupe nehme, und ganz besonders in schwierigen emotionalen sowie in Konfliktsituationen: Wie reagiere ich, wenn ich feststelle, daß ich betrogen worden bin? Wenn ich von jemandem angegriffen werde? Wenn die Dinge gar nicht so laufen wollen, wie ich es mir vorstelle? Wenn ein naher Verwandter gestorben ist oder schwer erkrankt ist? Wenn ich herausfinde, daß mein Lebenspartner mich seit drei Jahren betrügt? Welches sind die Ängste, die ich verdränge, damit ich mich nicht mit ihnen zu konfrontieren brauche? Die Beobachtung solcher emotionaler Reaktionen bringt das dauernde, unter der Oberfläche schwelende Unwohlsein nach und nach zum Vorschein: das Unwohlsein des Ur-Credos, aus dem alle anderen "Unwohlseine" entstehen. Sich seines Ur-Credos bewußt werden zu wollen bedeutet: es ohne Selbstmitleid aufzudecken, anstatt es immer wieder zu verdrängen.

Serge:

Das hat mit Glücklichsein aber nichts mehr zu tun.

Wolfgang:

Stimmt. Diese Art der Arbeit an sich selbst hat nur Sinn, wenn sie in die Suche nach dem Lebenssinn eingebettet ist. Das Streben nach Glück befindet sich nicht auf derselben logischen Ebene wie die Suche nach dem Absoluten; dem Glück nachzulaufen ist eine der Eigenschaften der Identität auf der Suche ... das Unwohlsein zu vermeiden. Sich mit dem Ur-Credo zu konfrontieren bedeutet nicht, sich mit einem temporären Mißgeschick auseinanderzusetzen. Es handelt sich um die Begegnung mit dem "Un-glück" der Trennung. Solange wir nach Glück streben, werden wir immer wieder von Gut nach Schlecht, von Angenehm nach Unangenehm und wieder zurück geworfen. Durch das Vermeidenwollen des einen und das Verlangen nach dem anderen vergeht uns die Aufmerksamkeit für die Fülle und den Reichtum jedes Augenblicks.

Serge:

Was ist der Unterschied zwischen deinem Ansatz und einer gelungenen Psychotherapie?

Wolfgang:

Eine gute Therapie (re)stabilisiert die Identität, das Aufwachen löst sie auf.